Classroom Management
Klassenführung - Die Bedeutung der Komplexitätsreduktion für den guten
Unterricht
Rainer Dollase, Universität Bielefeld
Ist Klassenführung oder - in der englischsprachigen Version
- das „classroom management" ein
neues Programm? Ist es ein Rezeptkatalog, angefüllt mit Tipps wie „Wenn der
Schüler nicht aufpasst, dann sagen Sie ihm sofort, dass es Ihnen aufgefallen
ist"? Oder „Wenn er gegen die Regel verstößt, erinnern Sie ihn an die Regel und
die Konsequenzen des Verstosses"? Auf keinen Fall.
Dass man heute Unterricht mit Krankengymnastik verwechselt,
in der Übung auf Übung erfolgt, oder mit einem Regelwerk, an das sich alle so
wie bei einem Gesellschaftsspiel („Mensch ärgere Dich nicht") anpassen müssen,
ist der systematischen Negierung der Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit für den
Unterrichtserfolg in den letzten Jahrzehnten geschuldet, die im Dunstkreis
struktureller Deutungen aufblühte.
Klassenführung ist kein Programm, kein Regelwerk, kein
Gesellschaftsspiel, keine Organisation - Klassenführung ist die Art und Weise
des komplexitätsreduzierenden Umgangs mit einer Schulklasse, sie ist die
Kompensation der Nachteile, die sich ergeben, wenn man mit mehreren Menschen
gleichzeitig lernen soll. Klassenführung geschieht immer - es gibt keine Pause.
In Anlehnung an Watzlawick, Beavin, Jackson könnte man davon sprechen, dass man
„nicht nicht die Klasse führen kann" - classroom management ist unausweichlich,
es gibt kein Projekt, kein Programm, dass sie ersetzen könnte (Watzlawick, Beavin, & Jackson,
169). Folglich ist sie Aufgabe und Bürde
auch dann, wenn man glühender Anhänger irgendwelcher Projekte, Programme oder
unterrichtlicher Konzepte ist.
Klassenführung muss mit den „persönlichen Wirkungsmitteln"
bewerkstelligt werden: mit verbaler und nonverbaler Kommunikation, mit den
Sinnen, mit der Persönlichkeit und dem Charakter, den Beziehungen zu den
Schülern und mit Aufmerksamkeit. Komplexitätsreduktion heißt auch: „jedem
Schüler, jeder Schülerin gerecht werden".
Die grundlegende Bedeutung der Klassenführung für den
erfolgreichen Unterricht (nach kognitiven und sozialen Kriterien) ist sowohl
historisch als auch durch die internationale empirische Unterrichtsforschung zu
belegen. Kerschensteiner (1921)
hat sinngemäß gesagt, „begnadete Einzelerzieher versagten manchmal als
Klassenlehrer", es gelänge ihnen nicht, die „leicht auseinander flatternden
Kinderseelen" zusammenzuhalten (Kerschensteiner, 1921). Eine Beobachtung, die auch bei
vielen Lehrern, die im 19. Jahrhundert zunächst als Privatlehrer, dann als
Lehrer an Schulen mit einer größeren Anzahl zu tun hatten, bekannt war (Delitsch, 1900). Wenn ich einem Kind etwas beibringen kann, kann
ich es noch lange nicht mehreren gleichzeitig. Der Pädagoge und Psychologe Winnefeld hat 1948 (1967, S.
143, in der Neuauflage) geschrieben: „Vergrößert oder verkleinert man planmäßig
die Gruppen, so gelingt es einigen beobachteten Menschen, auch noch große
Gruppen glänzend zu steuern, während andere, die kleinere Gruppen relativ
geschickt lenken können, bei größeren Gruppen versagen"(Winnefeld, 1967) . Für Winnefeld erwies sich die
Gruppensteuerung als Eigenschaftsproblem des Lehrers/der Lehrerin (Schorb & Louis, 1975). Winnefeld forderte eine Komplexkapazität für Lehrer, die er unterteilte in Wahrnehmungs-
und Kontaktkapazität.
Beide Eigenschaften braucht man im Einzelunterricht nicht. Auch die personale
Geräumigkeit bzw. personale
Gewichtigkeit ist
eine Fähigkeit, die man insbesondere im Unterricht in Gruppen benötigt: Sie
beschreibt eine Fähigkeit des Lehrers, mit sehr unterschiedlichen Typen,
unterschiedlichen Fähigkeiten, tolerant und großherzig umgehen zu können. Zugleich
muss man viele verschiedene Vorgänge, wahrnehmungs- und kontaktmäßig steuern
können. Die Fähigkeit zum „multitasking" würde man heute sagen, zeichnet die
optimale Klassenführung aus. Lehrer und Lehrerinnen sind wie „aufmerksame
Gastgeber" - ihnen entgehen weder individuelle Bedürfnisse und Schwierigkeiten
noch organisieren sie Unterricht so, dass nur wenige davon etwas haben.
Wenn man Menschen in einer Mehrzahl unterrichtet, bedarf es
einer Menge von Voraussetzungen, damit dieser Unterricht gelingen kann.
Schulklassen als Gruppen haben Nachteile, sie stören den optimalen
individuellen Lernprozess. Selbst in einer Zweiergruppe lernt man
durchschnittlich langsamer und weniger als in einer Einergruppe. Wenn man so
will: Der beste Unterricht ist Einzelunterricht. Das war - ohne die
Notwendigkeit der Gestaltung des sozialen Miteinanders und des sozialen Lernens
jemals zu leugnen - schon im 19.Jahrhundert bekannt.
Erfreulicherweise gibt es heute nationale und internationale
empirische Untersuchungen, die die herausragende Bedeutung der Klassenführung
eindrucksvoll bestätigen.
Die wichtigste Studie, in der über 11.000 Vergleiche
zwischen gutem und schlechtem Unterricht „meta-analysiert" worden sind (eine
Vielzahl von Studien wird mit Hilfe spezieller statistischer Techniken
zusammengefasst) stammt von Wang, Haertel, Walberg. Dort ergibt sich eine
Rangreihe von Einflussfaktoren auf den guten Unterricht und bei dieser
Rangreihe steht an allererster Stelle das „classroom management". Auf dem
zweiten und dritten Platz folgen Eigenschaften der Schüler und die elterliche
Unterstützung, aber auch die Interaktion zwischen Lehrern und Schülern, die
Peer Group, das Klassenklima usw.. Auf den letzten Plätzen liegen solche Faktoren wie „student
demographics", „student use of out of school time", „program demographics",
„state and district policies", „school policy and organization", „district
demographics" etc.. - also das gesamte Arsenal politisch prominenter Faktoren (Wang, Haertel, & Walberg, 1993). Auch aktuelle deutsche Studien
bestätigen diese universale Erkenntnis: Helmke und Jäger haben im Jahre 2001ff
eine Totalerhebung der Schulen in Rheinland-Pfalz durchgeführt und bei der
Ermittlung eines Profils für die leistungsstärksten Klassen und Kurse wiederum
hervorgehoben, dass insbesondere die effiziente Klassenführung an erster Stelle
ein Qualitätskennzeichen des erfolgreichen Unterrichts ist (Helmke & Jäger, 2002).
Was bedeutet eigentlich „classroom management" in konkretem
Verhalten? Bedauerlicherweise gab es nur eine kurze Zeitspanne in der
Bundesrepublik, in der ein Buch von Jacob Kounin „Techniken der
Klassenführung", Klett Verlag, erhältlich war. Der Band erschien original 1970
in den USA und 1976 auf deutsch und war dann Anfang der 80er Jahre bereits
wieder ausverkauft (J. Kounin, 1970; J. S. Kounin,
1976). Mittlerweile ist er als Reprint im
Waxmann Verlag Münster wieder erhältlich. Wer in der Zeit, in der man alles
andere für wichtiger hielt als „Techniken der Klassenführung", dieses Buch in
seiner Ausbildung kennen gelernt hat, weiß worum es hier geht: Es geht darum,
dass die Schüler im Unterricht vollbeschäftigt sind, mitmachen und wenig
Fehlverhalten zeigen und zwar wird dies erreicht durch eine Reihe von
ungewöhnlichen Techniken, die der Lehrer auf sehr verschiedene Art und Weise
realisieren kann.
Eine wesentliche Dimension ist etwa die „withitness", das
„Dabeisein" oder (im Deutschen falsch konnotiert „Allgegenwärtigkeit"), d.h.
der Lehrer macht bei Disziplinierungsfällen keine Objekt- und Zeitfehler, d.h.
er bemerkt abweichendes Verhalten sofort und signalisiert, dass er es gemerkt
hat bzw. er trifft immer auch den Urheber oder tadelt schwereres Fehlverhalten
bei gleichzeitigem Vorliegen von leichteren Verfehlungen statt umgekehrt. Er
signalisiert also, dass er über die Vorgänge im Klassenraum Bescheid weiß. Die
Schüler glauben und wissen, dass er alles mitbekommt. Die 2. Dimension lautet
„Überlappung", d.h. die Lehrkraft ist zur parallelen Steuerung von mehreren
Vorgängen im Klassenzimmer fähig (in der Computersprache würde man heute sagen
„multitasking"). Die 3. Dimension lautet „Reibungslosigkeit", d.h. es gibt
keine Brüche, keine Verkürzungen, keine thematischen Inkonsequenzen, keine
Unentschlossenheit, was zu tun ist, sondern die gesamte Unterrichtsstunde ist
wie aus einem Guss, Eines baut auf das Andere auf, eine Eigenschaft, die man
als Lehrer/Lehrerin natürlich
durch gute Vorbereitung erreicht (s.oben, dort wurde darauf ja schon
hingewiesen). Die 4. Dimension heißt „Schwung", womit das Fehlen von
Verzögerungen, wie etwa Überproblematisierungen von Verhaltensweisen der
Schüler, von Arbeitsmaterialien etc. gemeint ist. Die 5. Dimension heißt
„Aufrechterhaltung des Gruppenfokus", worunter eine Gruppenmobilisierung (d.h.
alle fühlen sich angesprochen), ein hoher Beschäftigungsradius (möglichst viele
Schüler in einer Unterrichtsstunde sind „on task") und das Rechenschaftsprinzip
(alles was ich mache, wird von jemand anderem kontrolliert, z.B. vom Partner
oder auch vom Lehrer) verstanden wird. Die anderen Dimensionen wie
„programmierte Überdrussvermeidung" sowie „Valenz und Herausforderung" ergänzen
die Management-Dimensionen um eher inhaltliche, didaktische Qualitäten wie
interessante Arbeitsblätter bzw. Gruppenaufgaben, stimulierendes und
enthusiastisches Lehrerverhalten etc.. Die genannten Dimensionen haben einen im
Vergleich zu allen anderen Studien gigantischen Effekt auf den
Unterrichtserfolg: Korrelationen von bis zu .64 sind, obwohl eine Videostudie,
keine Seltenheit. Man kann den Pegel der Mitarbeit von einer Unterrichtsstunde
zur anderen deutlich erhöhen und das Fehlverhalten deutlich senken, wenn man
diese Dimensionen anwendet
In einem Unterricht, der sich an den Kounin-Dimensionen
orientiert, ist es ruhig und die meisten Schüler und Schülerinnen arbeiten mit.
Kounin hat diese Studie an Grundschulklassen sowohl im Frontalunterricht wie
auch im Gruppenunterricht, sowohl bei normalen Schülern wie auch bei emotional
gestörten Kindern erprobt und in allen Situationen hat sich der gleiche
positive Effekt gezeigt.
Wir halten also fest: Die internationale
Unterrichtsforschung beantwortet die Frage, „Was macht erfolgreichen Unterricht
aus?" sowohl nach Metaanalysen wie nach Videostudien wie nach Lernzuwachsstudien
recht eindeutig: In erster Linie ist das effiziente „classroom management"
notwendig, das darin besteht, dass die Komplexität des Gruppengeschehens so
synchronisiert und reduziert wird, dass alle mitarbeiten und dass es wenig
Fehlverhalten gibt. Dabei ist das „Verstehen" der Dimension wie
Allgegenwärtigkeit, Überlappung, Reibungslosigkeit und Schwung,
Aufrechterhaltung des Gruppenfokus nicht das Problem, sondern deren
Realisierung im Unterricht. In dem Buch von Kounin sind Hunderte von Beispielen
enthalten, weil man solche Dimensionen nicht ohne den Bezug zu vielen
praktischen Beispielen erklären kann. Insgesamt erweist sich somit ein relativ
straffer, disziplinierter Unterricht als günstig für die Erzielung von
kognitivem und sozialem Unterrichtserfolg.
Wirklich? Die genauere Analyse zeigt deutlich: hohe
Mitarbeit und geringes Fehlverhalten kann man auch ganz anders erzielen. Die
unterrichtliche Komplexitätsreduktion kann auf sehr vielen verschiedenen Wegen
erfolgen. Ist der Unterricht unglaublich attraktiv - sind die Schüler wie
gebannt. Ist die Lehrkraft ein netter und humorvoller Mensch - werden auch
langweilige Thematiken ohne große Störungen überstanden. Hat die Lehrkraft
Verständnis für die Schüler und Schülerinnen, kennt sie deren Voraussetzungen
und kann auf diese eingehen - die Lernenden danken es mit Aufmerksamkeit und
Mitarbeit. Jede Unterrichtsmethode, jede Maßnahme, jedes Konzept und jedes
Programm wirft einen „projektiven Schatten" auf die Dimension der
unterrichtlichen Komplexitätsreduktion, d.h. sie trägt in (unterschiedlichem
Maße) dazu bei. Folgerichtig enthalten auch neuere Werke zum „classroom
management" (Eichhorn, 2008; Evertson &
Weinstein, 2006) alle die personalen Tugenden, die
auch schon früher für erfolgreiches Unterrichten bekannt waren: gute Lehrer -
Schüler Beziehungen, Glaubwürdigkeit, einvernehmlich entwickelte Regeln und so
weiter - Evertson u.a. meinen gar, dass „classroom management" ein „moral
curriculum" sei. Die virtuelle oder „psychologische Reduzierung der
Schulklassengröße" (Dollase, 1995), deren „gefühlte" Verkleinerung
also, lässt sich mit klassischen, personalen Tugenden des Unterrichthaltens
erreichen.
Literatur:
Delitsch, J.: Über Schülerfreundschaften in einer
Volksschulklasse. Zeitschrift für Kinderforschung, 5, 150 - 163; 1900
Dollase, R.: Die virtuelle oder
psychologische Reduzierung der Schulklassengröße. Bildung und Erziehung, 48(2),
131 - 144; 1995
Eichhorn,
C.: Classroom - Management. Stuttgart: Klett Cotta; 2008
Evertson,
C. M., & Weinstein, E. A. (Eds.).: Handbook of Classroom Management:
Lawrence Erlbaum Associates; 2006
Helmke, A., & Jäger, R. S.: Das
Projekt MARKUS. Mathematik Gesamterhebung Rheinland Pfalz: Kompetenzen,
Unterrichtsmerkmale, Schulkontext. Landau: Verlag Empirische Pädagogik; 2002
Kerschensteiner, G.: Die Seele des
Erziehers und das Problem der Lehrerbildung. Leipzig und Berlin: Teubner; 1921
Kounin,
J.: Discipline and group management in classrooms. New York u.a.: Holt u.a. 1970
Kounin, J. S.: Techniken der Klassenführung.
Bern, Stuttgart: Huber, Klett; 1976
Schorb, A. O., & Louis, B.:
Unterrichtsanalyse - Ein Grundkurs im Medienverbund. München; 1975
Wang,
M. C., Haertel, G. D., & Walberg, H. J.: Toward a Knowledge Base for School
Learning. Review of Educational Research, 63(3), 249 - 294; 1993
Watzlawick, P., Beavin, J. H., &
Jackson, D. D.: Menschliche Kommunikation - Formen, Störungen, Paradoxien.
Bern: Huber; 1969
Winnefeld, F.: Pädagogischer Kontakt
und pädagogisches Feld (4. Auflage ed.). München, Basel: Reinhardt; 1967
3. Class room management - DE.pdf