Wahrnehmung, Kommunikation und Konfliktmanagement

 

 

Wahrnehmung und Kommunikation in Bezug auf erste Reflexionserfahrungen

Kurzfassung

(Die ausführliche Textversion ist im Anhang lesbar)

 

In der Lehrerausbildung werden in den am Projekt TIPP beteiligten Ländern Wahrnehmungs-schulungen selten längerfristig durchgeführt oder gar trainiert. Unstrittig ist jedoch, dass Wahrnehmungsaspekte auf dem Hintergrund der eigenen biografischen Vergangenheit und Reflexionen zur Wahrnehmung und Gewichtung von Momentaufnahmen im Unterricht für die Interaktion zwischen Lehrern und Schülern einen überaus hohen Stellenwert besitzen. Für die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit ergibt sich daraus eine erste wichtige Empfehlung:

 

1. TIPP: Sei präsent und nimm Blickkontakt auf!

 

Für Berufsanfänger und Studierende ist es wichtig zu wissen, dass insbesondere die Bereiche der emotionalen Intelligenz durch die akademische Ausbildung zu wenig gefördert  werden und dadurch gerade bei den kognitiv gut ausgebildeten Menschen die Empathiefähigkeit wenig entwickelt erscheint.

 

Zur ersten Schulung von Empathie, aber vor allem der eigenen Gefühlswelt eignen sich – nach Auffassungen nicht nur der Gestalttherapeuten - Übungen zur Atmung und zur Körper(ge)wichtigkeit. Mit diesen beiden grundlegenden Hauptelementen zur Erkennung der (eigenen) Befindlichkeit  können die individuelle Wahrnehmungsfähigkeit geschult und der Brückenschlag und das Fundament zur Entwicklung von  Selbstbeobachtung und Empathie gefunden werden (vgl. Goleman, 1997).

 

Die nächsten Schritte zur besseren Wahrnehmungsfähigkeit und damit relevant für Kommunikations- und Interaktionsschritte, aber auch zur Meisterung von Konfliktsituationen,  führen in die ersten Kontaktphasen mit anderen. Sinn der Durchführung der in der ausführlichen Textversion dargestellten Übungen ist es, den eigenen Körper, die eigenen Empfindungen wahrzunehmen, um darüber dann auch Einfühlungsvermögen gegenüber anderen Personen aufzubauen. Diese empfundenen Phänomene  führen zu einer gesteigerten und nicht nur rational–kognitiv verankerten sozialen und emotionalen Intelligenz, einer verbesserten Empathie, die es möglich werden lässt, in Kommunikations- und Interaktions-situationen sicherer, selbstbewusster und vor allem authentischer zu agieren.

 

Zur Förderung der kommunikativen Kompetenz ist im Studienseminar Bielefeld ein Modul entwickelt worden, mit dem Elemente von Kommunikation in Theorie und Praxis (Körpersprache, aktives Zuhören, Impulssetzung, etc.) vermittelt werden. In der Reflexion erschließen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Relevanz der Thematik für ihr berufliches Handeln.

 

 „ Der Hauptgrund für Konflikte in der Klasse liegt in der sozialen Ungleichwertigkeit, die sowohl zwischen einzelnen Personen als auch zwischen verschiedenen Gruppen herrscht.

Wenn die soziale Beziehung  zwischen Menschen unsicher, unbeständig ist, führt das unweigerlich zu Konflikten und Disharmonie. Gleichwertigkeit allein ..kann .. zu stabilen sozialen Beziehungen führen. … Ordnung kann nicht durch Herrschaft erreicht werden“ (vgl. Dreikurs u. a., 2007, S. 63). Wir als Lehrer sollen und müssen demzufolge lernen, den Schülern durch praktisches Handeln das Gefühl zu vermitteln, sie seien in der Klasse gleichwertig - unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, von ihrem Geschlecht, von ihrem Glauben oder auch von ihrer Leistungsfähigkeit.

 

Doch wie gehen nun konkret junge Lehrerinnen und Lehrer mit diesen auf sie zukommenden, an wohl allen Schulen ja auch heute bereits täglich stattfindenden Konflikten um?

·          Er/sie muss Konflikte von seiner/ihrer eigenen Person abstrahieren können, darf sie nicht persönlich nehmen.

2. TIPP: Aufgrund von Videoaufnahmen und Prozessen zur Selbst- und Fremdbeobachtung kann der unterrichtende und erziehende Lehrer erfahren, wie oft er bei einem Konflikt mit einem Schüler in die Falle der eigenen Schuldzuweisung tappt.

Allerdings muss damit gleichzeitig auch ein zweiter folgerichtiger  Schritt verbunden sein:

·          Er/sie gibt den Kindern, den Jugendlichen das Gefühl, gleichwertig zu sein und Verantwortung, gemeinsam mit anderen, zu übernehmen. (vgl. Tipp 2)

3. TIPP:

Um diese doch sehr unterschiedlichen Beweggründe auch den Schülern deutlich zu machen, kann es in der Interaktion mit dem Schüler zunächst nicht auf eine Anklage hinauslaufen; sinnvoller und selbst erprobt  ist die Frage, die mit einem

„Könnte es sein, dass du möchtest, dass …“ 

 

 

z. B. bei Überlegenheit/Macht        :                                             

·          du der Tonangebende sein willst?

·          du der Boss sein willst?

·          du mir zeigen willst, dass ich dich nicht zwingen kann?

·          (vgl. Dreikurs, u. a., 2007, S.34 ff)

  

Beginnt ein Lehrer ein Gespräch in dieser Form, wird die oben geforderte Gleichwertigkeit des Schülers unterstrichen; der Schüler fühlt sich, ohne angeklagt zu werden, gestellt.

 

4. TIPP: Gerade bei Konfliktfällen liegen häufig unbewusste Beweggründe bei den Kindern und Jugendlichen vor (Ausnahme mit Abstrichen: die Kinder, die Vergeltung ausüben wollen. Hier liegt der Sachverhalt etwas anders)

Der Lehrer muss sehr bewusst Interventionen dagegen setzen und sich der Konsequenzen wirkungsloser Interventionen bewusst sein: Das störende Verhalten des Schülers könnte dadurch verstärkt weitergeführt werden.  

 

5. TIPP: Lehrer, vermeide einen Machtkampf, du wirst der Verlierer sein

 

Rudi Rhode gibt in seinen Büchern (vgl. vor allem Rhode, 2006) sehr konkrete Hinweise darauf, wie ein Lehrer im Konfliktfall auftreten sollte, und differenziert dabei drei Kategorien der Disziplinstörung:

·          Grenzübertretungen:                       Grenzsetzungen sind nötig

·          Regelverletzungen:                          Aus Grenzen werden Regeln

·          Keine Regel:                                       Ohne Konsequenz            

 

Der Lehrer muss bei seinen Hinweisen als Autorität wahrgenommen werden; Klarheit  in der Stimme und im Blick, in der Ansprache und im Stand sind notwendig; die nötige Präsenz muss gegeben sein, Diskussionen über Grenzüberschreitungen, Regelverletzungen und damit verbundene Konsequenzen sind in der Konfliktsituation nicht zu führen. 

 

Gutes Lehrerverhalten ist außerdem geprägt durch die Persönlichkeitsstile des Lehrers in Bezug auf Allgegenwärtigkeit und Überlappung (vgl. Kounin, S. 81 ff).

 

 Allgegenwärtigkeit:

Allgegenwärtigkeit wurde definiert als die durch sein konkretes Verhalten erfolgende Mitteilung des Lehrers an die Schüler, er sei im Bild über ihr Tun, er habe auch „ hinten seine Augen“ .

 

Überlappung:

Hier definiert als das Unternehmen eines Lehrers, der „ sich zur gleichen Zeit mit zweierlei Sachverhalten abgeben muss“ ( Kounin, 2006, S. 95).

 

Kounin konnte in seiner Studie nachweisen, dass beide Lehrerstil-Dimensionen deutlich korrelieren mit dem Führungserfolg eines Lehrers, wobei offenbar die Dimension der Allgegenwärtigkeit des Lehrers das bedeutendere  Kriterium sei (Kounin, 2006, S. 97).

 

 

Für das Projekt TIPP ergeben sich aus den Ausführungen folgende Überlegungen und Fragen:

 

1.       Die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit für Lehrer in ihrem alltäglichen Unterrichtshandeln ist nicht nur zu entwickeln und weiter zu fördern, sie ist notwendig, um Klassenführung – analog den Ergebnissen Kounins - erfolgreich gestalten zu können.

 

2.       Die Art der Zurechtweisungsmethode kann hilfreich für die Deeskalierung eines Konfliktes sein; wenn jedoch die Zurechtweisung zu spät bzw. an das falsche Objekt gerichtet wird, ist sie ineffektiv. Vor allem ist sie nicht so entscheidend im Vergleich zu der richtigen Anwendung von Klassenführungstechniken:

Prophylaxe vor  Reaktion!

 

3.       Fragen an das Projekt:

·          Gibt es Möglichkeiten, Allgegenwärtigkeit,  Überlappungsfähigkeiten zu schulen und auch reibungslose Unterrichtsführung und schwungvolles Lehrerverhalten zu trainieren?

·          Welche konkreten Hilfen können den jungen Lehrern an die Hand gegeben werden?