Deutsches Schulsystem: NRW

Beschreibung und Analyse des deutschen Lehrerausbildungssystems am Beispiel des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen

(Vgl. dazu www.bildungsportal.nrw.de)

1. Beschreibung des deutschen Lehrerausbildungssystems am Beispiel Nordrhein-Westfalens   

„Von 42 in der OECD vertretenen bzw. untersuchten Ländern haben 19 ein ausgeprägtes selektierendes bzw. selektives Schulsystem. Davon liegen 16 in Deutschland." Mit diesem Zitat eines Vortrages eines OECD-Mitarbeiters spiegelt sich zum einen die Ausbildungsvielfalt, noch mehr aber die Tatsache wider, dass das deutsche Schulsystem möglichst homogene Schülergruppen aufweisen möchte. Abgesehen von gegenwärtig drei Bundesländern (Berlin, Schleswig-Holstein, Hamburg) werden alle Schulkinder nach einer gemeinsamen, in der Regel vierjährigen Grundschulzeit  in der Bundesrepublik Deutschland im Alter von durchschnittlich zehn Jahren auf fünf verschiedene Schulformen verteilt:

➢    Hauptschule
➢    Realschule
➢    Gesamtschule
➢    Gymnasium   
➢    Förderschule

Um die Beschreibung und Analyse des bestehenden deutschen Schul - und Lehrerausbildungssystems griffig zu machen, soll hier lediglich die Beschreibung des Systems des bevölkerungsreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen vorgenommen werden (vgl. zu den verschiedenen Bundesländern: www.bildungssserver.de) Hinzugefügt werden muss, dass sich vermutlich in den nächsten Jahren nicht so sehr die Struktur der Schulausbildung in NRW ändern wird, sondern vor allem die Struktur der Lehrerausbildung. Die fünf verschiedenen Schulformen (schulformabhängige Ausbildung, nicht stufenlehrerbezogen - wie sonst in Europa üblich) sollen erhalten bleiben.


Der Grundschullehrer, die Grundschullehrerin (primary school) und der sogenannte Sekundarstufen I-Lehrer ( Hauptschule, Realschule, Gesamtschule-Sek I ) erhalten z. Zt.  an der Universität sieben Pflichtsemester fachliche und didaktische Ausbildung vor allem  in den Fächern Deutsch und Mathematik. Das Studium für das Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen und den entsprechenden Jahrgangsstufen der Gesamtschulen umfasst:

1.    das Studium der Erziehungswissenschaft,
2.    das Studium von zwei Unterrichtsfächern einschließlich schulformbezogener Schwerpunktbildung,
3.    das didaktische Grundlagenstudium in den Fächern Deutsch oder Mathematik.

Bei der Wahl des Studienschwerpunktes Grundschule muss Deutsch oder Mathematik als eines der beiden Unterrichtsfächer gewählt werden. Das didaktische Grundlagenstudium erfolgt im nicht gewählten Fach.
                 

Während dieser universitären ersten Ausbildungsphase absolvieren die künftigen GHR-Lehrer Praktika (insgesamt 14 Wochen) an den Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen, die durch Lehrer und Dozenten  der Universitäten betreut werden. Sie schließen ihre Studien mit dem Ersten Staatsexamen ab.

Zukünftige Sonderschullehrer wie auch Gymnasial-  bzw. Gesamtschullehrer, die für den Unterricht in der Sekundarstufe II ausgebildet werden, absolvieren ein  neunsemestriges Studium und schließen ihre erste Lehrerausbildungsphase ebenfalls mit dem Ersten Staatsexamen ab. Für beide Typen von Lehrern, der Förderschullehrer durchläuft eine in der Regel wesentlich praktischere Ausbildung, gilt es, vor allem ein fachwissenschaftliches  Studium in zwei Fächern während einer bestimmten Pflichtzeit zu durchlaufen.

Zu jedem Lehramtsstudium (erste Phase) gehören Praxisphasen im Umfang von mindestens 14 Wochen (vgl. Grundschule und Sek-I-Schule). Diese Praktika sind an Lehrveranstaltungen der Hochschulen angebunden und finden an Schulen und schulnahen Einrichtungen statt. Auskunft erteilt in der Regel das Praktikumsbüro an den Universitäten. Dennoch: Die realen Erfahrungen in der Schule durch Praktika etc.bleiben für die künftigen Lehrer und Lehrerinnen zur Zeit marginal. 

Das Studium für das Lehramt an Berufskollegs hat ebenfalls eine Regelstudienzeit von neun Semestern. Es umfasst das erziehungswissenschaftliche Studium sowie das Studium einer beruflichen Fachrichtung und eines Unterrichtsfaches oder zweier Unterrichtsfächer. Eines der Unterrichtsfächer kann durch das Studium einer sonderpädagogischen Fachrichtung ersetzt werden.

Das derzeit noch geltende Studium als Vorbereitung für das Lehramt an Berufskollegs sieht - über die für das Studium gewählten wissenschaftlichen Fächer hinaus - eine berufliche Vorbildung oder ein 12-monatiges Praktikum in dem Bereich vor, in dem der angehende Lehrer später unterrichten will. Ein hoher Prozentanteil der Studenten verfügt bereits vor Beginn des Studiums über eine abgeschlossene Berufsausbildung und damit über eine berufliche Fachkompetenz. Das bedeutet, dass die Lehramtsstudenten für Berufskollegs ihr Studium entweder mindestens ein Jahr später als andere Lehramtsanwärter aufnehmen können oder zusätzliche Belastungen während des Studiums auf sich nehmen müssen, die anderen Lehramtsstudierenden erspart bleiben.


Bisherige Lehrerausbildung (bis 2011 gültig) im Überblick:


1. Phase:

7 Semester GHR Studium                       9 Semester SII/ BK/ Förderschulpädagogik
verbunden mit 14 Wochen Praktika an Schulen in Zusammenarbeit mit den Universitäten
Abschluss: Das Erste Staatsexamen
 


2.Phase:

24 Monate Vorbereitungsdienst im Studienseminar für
Grundschule
Sekundarstufe I
Sekundarstufe II
Förderpädagogik
Berufskolleg
Davon 6 Monate Vorbereitung- ausschließlich im Seminar- mit 12 Stunden Ausbildungsunterricht an Schulen und 7 Stunden Seminarausbildung/ fachdidaktische- pädagogische Schwerpunkte
Anschließend 12 Monate mit 9 Stunden eigenständigem Unterricht an den jeweiligen Schulformen/ 3 Stunden Ausbildungsunterricht und 7 Stunden Seminarausbildung
Die letzten 6 Monate werden im Rahmen der Prüfungsvorbereitungen genutzt:
12 Stunden Ausbildungsunterricht/ 7 Stunden Seminarausbildung

Aufgrund des Bolognaprozesses hat die Universität Bielefeld, neben vier weiteren Hochschulen im Bundesland NRW, die Studienfolge in Bachelor-( sechs Semester) und Master-Studiengang (zwei/vier Semester) als Modellversuch, der im Jahr 2009 auslaufen wird, differenziert (vgl. auch Internetportal).

Geplant ist für das Bundesland NRW durch die Umstellung auf den Bachelor/Masterstudiengang ab 2010/2011 eine erste Verkürzung der Zweiten Lehrerausbildungsphase um ein halbes Jahr, ab 2015 aufgrund der höheren Praktikaanteile in der Ersten Phase auf dann zwölf Monate. Die Konsequenzen für die Schulen, aber auch für die gesamte Lehrerausbildung  sind im Moment nicht abzusehen.

Die berufsorientierte Fachkompetenz ist für das Lehramt an Berufskollegs von entscheidender Bedeutung. Weil sie in der Reform der Lehrerausbildung nach 2011 nicht mehr vorgesehen ist, fordern Verbände, den fachwissenschaftlichen Anteil im Bachelor-Studium stärker zu betonen.
                

Neue Lehrerausbildung NRW (ab 2011 geplant) im Überblick

 

  • Lehramt Grundschule
  • Lehramt Haupt-, Real- und Gesamtschule
  • Lehramt Gymnasium und Gesamtschule SII
  • Lehramt Berufskolleg
  • Lehramt Förderpädagogik



Schulassistenzpraktikum / Vorpraktikum (Schulen)
z.Zt. geplant 10 Wochen für alle Lehramtsstudierenden
Praxissemester unter Nutzung personeller Ressourcen aus dem Geschäftsbereich des MSW
Verkürzung des Vorbereitungsdienstes von heute 24 auf 12 Monate nur in zwei Schritten möglich, da
Einsatz der Lehramtsanwärter im bedarfsdeckenden Unterricht an Schulen das Absolvieren eines
veränderten Studiums mit Praxissemester voraussetzt und KMK zur gegenseitigen Anerkennung der
Abschlüsse 18 Monate Praxis fordert (deshalb 18 Monate Vorbereitungsdienst in 2011, dann 6
Monate Praxissemester und 12 Monate Vorbereitungsdienst in 2015)
Studiengänge akkreditiert, unter anderem nach lehramtsspezifischen Vorgaben des Landes

1.Phase
Bachelor (Universitäten/Seminare und Schulen)
6 Semester
Fach 1, Fach 2
Bildungswissenschaften
Schulformbezug vor allem im letzten Jahr
Praktika

Master (Universitäten/Seminare und Schulen)
4 Semester
Fach 1, Fach 2
Bildungswissenschaften, Schulformbezug
Darin: 1 Praxissemester



2.Phase
Staatsexamen (Studienseminare und Schulen)
Vorbereitungsdienst (12 Monate ab 2015) ( ab 2011 18 Monate)

              

2.Erste  Gedanken zum Lehrerausbildungssystem in Deutschland, hier NRW

Diese Ausbildungsrichtlinien bzw. Zukunftsüberlegungen machen deutlich, dass das nordrhein-westfälische, aber auch das deutsche  Lehrerausbildungssystem sich bislang sehr stark an den historischen Gegebenheiten des 19. Jahrhunderts, an den traditionellen fünf Schulformen, orientiert. Trotz der sog. Frankenthaler Beschlüsse der Kultusministerkonferenz der alten Bundesländer  setzen die meisten Bundesländer weiterhin auf die schulformbezogene Lehrerausbildung und unterscheiden sich damit deutlich von den europäischen Lehrerausbildungsstandards.
Insbesondere die durch die nordrhein-westfälische Schuladministration angestrebte Verfestigung   der schulformbezogenen Ausbildung verdeutlicht das Spannungsfeld, in dem der nordrhein-westfälische Lehrer steht: Auf der einen Seite werden die Kinder bereits  in  sehr frühem Lebensalter ( 9-10 Jahren)  in eine bestimmte Schulform „ eingeordnet", aus der sie dann bei Misserfolg auch recht schnell wieder selektiert werden, auf der anderen Seite soll die Forderung nach individueller Förderung von allen Lehrern erfüllt werden. In welcher Form dies allerdings in einem so stark außendifferenzierten selektierenden gegliederten Schulwesen und Lehrerausbildungssystem erfolgen kann, bleibt vielen Lehrern häufig verborgen.

Durch die ersten Pisaergebnisse aus dem Jahr 2001 und die nachfolgenden empirischen Befunde ist weiterhin deutlich geworden, dass das bundesdeutsche und damit auch das nordrhein-westfälische Bildungssystem eine ganz entscheidende Schwäche aufweist: Nirgends in Europa ist die Chancenungleichheit  für Kinder und Migranten aus sozioökonomisch benachteiligten Familien so groß wie in Deutschland. Nirgends in Europa ist die Hochschulzugangsberechtigung so abhängig vom Bildungsstandard der Familien des Kindes wie in Deutschland. Dies mag viele Ursachen haben, allerdings scheint außer Zweifel zu stehen, dass insbesondere der deutsche Lehrer es während seiner Ausbildung an Universität und Studienseminar nicht gelernt hat, mit so genannten deutlich heterogenen Gruppen umzugehen. Der fachliche Ausbildungsaspekt, insbesondere bei der Ausbildung zum Gymnasial- bzw. Gesamtschullehrer für die Sek. II wird außerordentlich hoch gewichtet, der Umgang mit Heterogenität, mit individueller Förderung werden zwar als Worthülsen hoch gehalten- vor allem  im Schulalltag, aber auch im Ausbildungsalltag treten sie kaum in Erscheinung. Hier erscheint es notwendig, den eigen-reflexiven Anteil der Lehrertätigkeit zu steigern und zu stärken. 

Noch kritischer wird die Analyse bezogen auf die Vielfalt der 16 Bundesländer.  Hier zeigt sich, dass bestimmte Länder (Bayern, Baden-Württemberg) in der Leistungsfähigkeit ihrer Schüler besser abschneiden als z. B. Nordrhein-Westfalen - trotz des gemeinsamen gegliederten Schulwesens. In NRW ist die erbrachte Schülerleistung noch stärker an die soziale Herkunft gekoppelt als zum Beispiel in Bayern. Das Gleiche gilt auch für die Einwandererkinder (Vergleich Ergebnisse der Pisastudie 2001 Bayern - NRW). Das bedeutet für unsere Untersuchung natürlich auch, dass gute Leistungen, egal von welchen Kindern, nur zu erreichen sind, wenn die Schüler zu Leistung und Anstrengung angehalten werden, in jeder Schule, durch jeden Lehrer. Mehrere Schulstudien belegen mittlerweile, dass das Fordern von Leistung mehr zur Gerechtigkeit beiträgt als der Verzicht auf sie. Nur so ist -vermutlich
                


neben anderen Aspekten- auch das gute Ergebnis der skandinavischen Schulen bei den Pisauntersuchungen  zu erklären: diese Länder weisen  trotz fehlender äußerer Differenzierung deutlich bessere Ergebnisse auf.  

Aus all diesen  knapp dargestellten Phänomenen heraus  ist der Schwerpunkt unserer Arbeit in diesem Projekt für die Lehrerausbildung und für die Berufseinsteiger vor allem auf drei Säulen zu beziehen:

1.    Umgang mit Heterogenität
2.    Selbstreflexionsfähigkeit
3.    Individuelle Förderung von Schülern -diagnostische Kompetenzen von Lehrern

Aufgrund der sehr unterschiedlichen auf Schulformen bezogenen Lehrerausbildung werden die- von der Universität fachwissenschaftlich ausgebildeten Lehramtsstudierenden - in die Lehrerausbildung eintretenden jungen Lehrer und Lehrerinnen vor allem auch in dieser zweiten Phase unter fachdidaktischen und fachmethodischen Aspekten ausgebildet. Der Umgang mit Differenzierung und Heterogenität fristet in der deutschen Lehrerausbildung ein Schattendasein. Die im Projekt TIPP zu entwickelnden Produkte sollen dazu beitragen, diese Defizite wenigstens zum Teil zu kompensieren. In den beteiligten Schulen wird dazu Unterricht beobachtet, aufgezeichnet, analysiert und ausgewertet. Gemeinsam mit angehenden Lehrern und Studienreferendaren werden - unabhängig von den zur Zeit herrschenden strukturellen Bedingungen wie Klassengröße, Unterrichtszeit, selektive Schulformen - Empfehlungen für einen besseren Umgang mit Heterogenität erarbeitet. Dazu gehören eine bessere Wahrnehmung in Bezug auf Kommunikation und  Interaktion zwischen Lehrern und Schülern, ein verbessertes Konfliktmanagement, Förderung der diagnostischen Kompetenzen, die Unterweisung in Metareflexionsüberlegungen zum eigenen Lehrerverhalten und sicherlich auch verstärkte Kooperationsbemühungen innerhalb eines Kollegiums.